Artikel: AnDante – Das Kulturmagazin, Ausgabe 7.


Portrait: Rita loving music and music loving Rita – a lifelong love affair!

Obgleich Musik die vollständige Spannweite des Empfindungsbewusstseins umfasst, kann man ihr nur mit einem einzigen Gefühl begegnen: mit Liebe. Und so ist es abermals Richard Wagner, den ich hier einmal mehr zitieren möchte: “Ich kann den Geist der Musik nicht anders fassen, als in Liebe”.

Der Inbegriff vollkommenen Glücks ist für sie untrennbar verbunden mit Musik. Rita Loving, Musikerin, gebürtige Amerikanerin, die sich schon als Kind nach Europa sehnte und das aus gutem Grunde oder in ihrem Fall gleich aus mehren Gründen.

Rita Loving: “Meine Eltern waren Amerikaner in erster Generation, das macht mich zur zweiten amerikanischen Generation, wobei ich meine Großeltern nicht kenne und somit mit dem fremdländischen Element in unserer familiären Abstammung bis dahin noch nicht einmal so recht vertraut war. Nun bin ich aber in New York geboren und New Yorker sind sowieso keine reinen Amerikaner. Hinzu kommt, dass in meiner Kindheit Europa den kulturellen Maßstab setzte. Alles was mit Kultur zu tun hatte, stand extrem unter europäischem Einfluss. Das hat sich heute etwas geändert, heute spielen auch asiatische oder afrikanische Einflüsse eine wesentliche Rolle. Damals war aber ausschließlich Europa im wahrsten Sinne des Wortes tonangebend und zwar primär Deutschland und Österreich, da natürlich die Musik von Beethoven, Brahms, Schubert, Schumann usw. richtungweisend in die amerikanische Kultur einströmte. Aufgewachsen in einer Zeit, in der maßgeblich deutsche und österreichische Einflüsse die Musik bestimmten, groß geworden in einer New Yorker Familie mit jüdischem Hintergrund und obendrein selbst noch in New York City (Manhattan) geboren, nein, ich fühlte mich zu keinem Zeitpunkt durch und durch als Amerikanerin. New York muss man beinahe als separaten Ort innerhalb der Vereinten Staaten betrachten, es hat seine ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten.”

Rita Loving ist in München gelandet, im Sinne von, sie ist dort angekommen, wo sie seit jeher sein wollte. Ein geografischer Kindheitstraum ist für sie in Erfüllung gegangen. Aber auch beruflich wurden ihre Wünsche wahr., wobei sie sich im Gegensatz zu ihrer klaren Vorstellung im Hinblick auf ihre Ortsansässigkeit, beruflich zunächst eher gefühlsmäßig gleiten ließ, ohne von vorneherein deutlich zu wissen, in welcher spezifischen Berufssparte sie dabei landen würde. Nur eines stand hundertprozentig fest: Musik sollte in ihrem Leben die Hauptrolle spielen.

Rita Loving: “Ich war zunächst nur ein Kind, das Klavier spielte, mit Oper hatte ich erst später zu tun. Folgerichtig waren meine ersten Einflüsse deutsch und österreichisch und schon sehr frühzeitig hegte ich den tiefen Wunsch, eines Tages in den Alpen zu leben. Ich wusste, dass es dort traumhaft schön ist und dann war da natürlich auch der Zusammenhang mit Musik, die Assoziation zu Sound of Music lag nahe. Ich habe Europa immer geliebt und so hat es mich von klein auf nach Europa gezogen und zwar speziell in die Alpen und da München praktisch in den Alpen liegt, bin ich da gelandet, wo ich immer leben wollte.”

Die musikalischen Anfänge

Rita Loving: Da muss ich ein wenig ausholen und in meine Kindheit zurückgehen. Ich war in Amerika bereits Musikerin “Pianistin und Sängerin“ und zwar in New York City und Washington D.C., wo ich meine Jungend verbracht habe. Möchtest du einige meiner beruflichen Stationen wissen? O.K.! Zunächst hatte ich meine eigene Radiosendung, da war ich 14. In dieser Radioshow sang ich und spielte Klavier “ machte eigentlich nur das, was ich immer getan habe. Inhalt der Show waren amerikanische Musicalsongs, Oldies. Nun, zu der Zeit waren sie nicht ganz so oldy-mäßig, heute würde man sie freilich als “Oldies” bezeichnen. Auf jeden Fall gestaltete ich die Radiosendung zusammen mit einem sehr angenehmen, 28-jährigen Bariton. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich dazu kam, aber ich hatte meine wöchentliche Radioshow und auch sonst habe ich rege am Musikleben in Washington teilgenommen, habe etliche Musikwettbewerbe gewonnen und auch einige Fernsehauftritte gehabt. Ich war also schon in verschiedenen Konzerten aufgetreten, als ich dann im jugendlichen Alter von 15 bereits zum ersten Mal solistisch mit dem National Sinfonie Orchester spielen durfte und es folgte gleich noch ein weiteres Mal. Ich war 16 und durfte erneut als Klaviersolistin im National Sinfonie Orchester mitspielen. Man könnte also sagen, ich war eine Art Washington D. C. Nachwuchstalent, das alle möglichen Wettbewerbe gewann und unzählige Auftritte hatte. Danach ging ich nach Ohio aufs College, es war ein Konservatorium und während meiner Collegezeit schrieb ich zwei Musicals und sang gleichzeitig in verschiedenen anderen Musicals mit. Ich erwähne das, um aufzuzeigen, dass ich zu der Zeit, man könnte sagen eine äußerst verwirrte Musikerin war. Ich spielte Klavier, ich sang, ich schrieb Stücke und wusste nicht so recht, welches denn nun mein beruflicher Werdegang sein würde. Zudem arbeitete ich als musikalische Begleiterin. Am Klavier begleitete ich so ziemlich jeden, der eine Pianobegleitung brauchte. Das heißt, ich war komplett verunsichert, welche berufliche Laufbahn ich nun einschlagen sollte. Aber eines wusste ich mit absoluter Sicherheit, es würde mit Musik zu tun haben! Das wiederum war mir klar, seit ich drei Jahre alt war und begonnen hatte, auf dem Klavier erste Melodien zu spielen. Aber in welche Musikrichtung es mich führen würde, da war ich eher desorientiert, ich wusste es einfach nicht.”

Wieder zurück in New York

Nach Abschluss des Konservatoriums in Ohio, ging Rita Loving nach New York zurück und auch dort absolvierte sie mehrere Studiengänge, darunter den Master of Music an der Manhattan School of Music in New York City und das Professional Studies Diploma für Sänger an der Opera School des Mannes College of Music, ebenfalls in New York City.

Rita Loving: “Um auch als Studentin meinen Lebensunterhalt zu verdienen, fuhr ich in New York mit dem fort, was ich bis dahin auch getan hatte. Ich begleitete Sänger am Piano, ich spielte eigene kleine Konzerte, ich sang in Oratorien usw. Dann heiratete ich den Tenor Maurice Stern. Und gemeinsam entschieden wir nach Deutschland überzusiedeln, weil wir zu dem Entschluss gekommen waren, dass wir in einem System leben wollten, in dem auch im kulturellen Bereich die Sicherheit einer Festanstellung gewährleistet wurde, wovon Amerika zu dieser Zeit weit entfernt war. Maurice hatte bis dahin an der New York City Opera gesungen und auch ich habe dort etliche Male ausgeholfen, aber selbst damit konnte man nicht einmal eine volle Spielzeit überstehen, es reichte einfach nicht aus. Was immer man tat, es war in keiner Weise vergleichbar mit einer wirklichen Anstellung “ so etwas gab es einfach nicht. Also kamen wir nach Deutschland, mit seinen drei Kindern, die bei uns lebten und die ich mit ihm groß gezogen habe, ja und ein Hund war auch noch dabei. Wir haben umgehend eine Anstellung in Norddeutschland, in Flensburg bekommen. Er wurde dort erster Tenor und ich arbeitete als Repetitorin. Und eh ich mich versah, hatte ich zudem kleinere Bühnenparts zu singen, hatte also eine Art Doppelvertrag. So ergab sich aus den Ereignissen heraus das, was ich letztendlich beruflich tun sollte. Von da an war ich beruflich, was man eine Repetitorin nennt und zwar eine Repetitorin, die zudem als Sängerin und Pianistin eingesetzt wurde und des Weiteren noch Gesangsunterricht erteilte. Mein Beruf befasst sich also im Wesentlichen mit Operneinstudierung. Von Flensburg aus ging ich nach Wiesbaden, dann nach Holland (Enschede und Amsterdam) und schließlich und endlich bin ich in München gelandet. Hier war ich 23 Jahre lang an der Bayerischen Staatsoper in München festes Ensemblemitglied, von 1978 bis 2001. 2001 musste ich mich aus gesundheitlichen Gründen für eine Art verfrühten Ruhestand entscheiden, denn ich hatte zunehmend Probleme mit dem Rücken, in den Armen und den Schultern. Am Tag zehn Stunden am Klavier zu spielen, so wie ich das bis dahin immer gehandhabt hatte, bereitete mir zunehmend Schwierigkeiten. So kam es, dass ich den Schwerpunkt nunmehr eher in Richtung Unterricht legte. Ich wurde Gesangslehrerin, was ich ja auch bis dahin immer war, aber fortan fokussierte ich die Konzentration vollends auf das Unterrichten.”

Wo Ruhestand keineswegs für Ruhe stand

Unterrichtsinhalte?

Rita Loving: “Ich unterrichte Repertoire und Stimmbildung, gebe jedoch keinen Klavierunterricht.”

Wer Rita Loving am Klavier erlebt, muss an dieser Stelle verblüfft die Stirn runzeln. Wäre eine solch begnadete Pianistin nicht geradezu prädestiniert, auch Klavier zu lehren? Doch gerade der Aspekt der mit Talent gesegneten Selbstverständlichkeit ist ausschlaggebend dafür, dass es für sie stets außer Frage stand, Klavierunterricht zu erteilen. Das Klavierspiel ist für sie von klein auf eine derart natürliche im Sinne von naturgegebene Sache, dass sie kaum wüsste, wie man es analytisch erlernen und folgerichtig dann auch lehren könnte. Was für den Moment vielleicht noch ein wenig pathetisch klingen mag, resultiert beim Nachdenken unweigerlich und fast überraschend in eine sachliche, klare und absolut logische Definition der Fakten. Es bringt zum Ausdruck, dass Rita Loving mit einer Gabe gesegnet ist, das Klavierspiel zu beherrschen, ohne es mühevoll erlernt zu haben, mit der Betonung auf ohne und mühevoll. Sinngemäß war es für sie wie eine Art Gottesgeschenk, die Bewegung auf der schwarz-weißen Klaviatur genauso natürlich erlernt zu haben, wie man als Kind laufen lernt. Der Ausdruck “Naturtalent” ist hier angebrachter denn je, wobei man bei Rita Loving zudem den Eindruck hat, dass Musik für sie das Lebenselixier par excellence darstellt. Man kann zu Recht behaupten, sie ist eins mit der Klangwelt und könnte ohne Musik genauso wenig existieren, wie ohne Luft und Wasser. Musik, ein fester Bestandteil ihres Lebens.

Rita Loving: “Ich wusste beim Erlernen des Klavierspiels nicht einmal genau, was ich da tue “ ich habe es einfach genossen!! Mit dem Singen ist es etwas anderes. Beim Singen musste ich arbeiten, um es zu erlernen, ich musste analysieren usw. Ich denke, man ist ein besserer Lehrer, wenn man es selbst nicht ganz so einfach hat, wenn einem die Dinge nicht wie selbstverständlich zufliegen, wenn man etwas erst selbst entwickeln und Sachen entdecken muss.

Ich bin also Gesangslehrerin, gebe eine Menge Kurse, Opernkurse und habe auch schon Meisterklassen unterrichtet, in Milwaukee, Wisconsin und New York City. Opernkurse gab ich bereits in Israel, England und Österreich, 13 Jahre lang in Bayreuth und auch in München und zwar hier über einen Zeitraum von sechs Jahren. Momentan gebe ich einen Kurs in Italien. Das ist es so im Großen und Ganzen, wer ich bin, was ich tue. An diesem Punkt bin ich nunmehr angelangt.”

Die Liste der renommierten Sänger/innen und Dirigenten, mit denen Rita Loving aufs Engste zusammen gearbeitet hat, ist endlos. Da wir mit der Vielzahl der Namen bereits ein ganzes Magazin füllen könnten, hier nur eine kleine (willkürlich von der Redaktion ausgesuchte) Auswahl, wobei selbstverständlich auch die Namen, die an dieser Stelle aus Platzgründen nicht erscheinen können, sehr wohl alle wert wären, ebenfalls genannt zu werden! Und da es eigentlich keine Entschuldigung dafür gibt, dies nicht zu tun, möchten wir es zumindest nicht versäumen, auf Rita Lovings Website www.ritaloving.com zu verweisen, wo eine umfangreichere Auflistung ersichtlich ist.

Rita Loving: “Mit ihnen habe ich sowohl im Theater wie auch privat sehr viel und häufig gearbeitet, das heißt sowohl an den Rollen, die sie hier am Nationaltheater sangen, als auch an Partien, die sie anderweitig vorzubereiten hatten und natürlich spielte ich die Klavierproben. Doch sehr oft waren die Solisten eben gleichzeitig in Vorbereitung einer anderen Rolle für ein anderes Haus. Bryn Terfel, zum Beispiel, musste sich zeitgleich mit München für Tosca in London vorbereiten. Also habe ich mit ihm zusätzlich daran gearbeitet. Hermann Prey war dabei, ein Album mit amerikanischen Musicalsongs aufzunehmen, also arbeitete ich mit ihm auch daran. Ebenso Ruggiero Raimondi, er bereitete Cole Porter für eine ebenfalls anstehende Aufnahme vor. Gott, es waren so viele!!! Selbst mit Pavarotti habe ich gearbeitet, auch mit Domingo, Carreras, nenn” mir irgendeinen Namen!”

“Wäre es einfacher, wenn ich fragte, mit wem du nicht gearbeitet hast?”

Rita Loving: “Das ist leichter. Auch bei den Dirigenten: da hatte ich sehr viel Glück!! Ich hatte Glück, denn ich war Assistentin von Riccardo Muti. Das war eine großartige Lebenserfahrung, ebenso die mit Georges Prêtre!! Und dann war da Guiseppe Patanè, was für eine unbeschreibliche Freude mit Patanè zu arbeiten!! Ich habe eine Unmenge an Opern mit ihm zusammen gemacht. Des Weiteren habe ich mit Fabio Luisi gearbeitet, mit Yehudi Menuhin, mit Wolfgang Sawallisch, bei ihm war ich nicht Assistentin, aber ich habe sehr viel im Orchester unter ihm gespielt. Doch, mir fällt ein, ich habe ihm bei meiner ersten Oper hier am Haus assistiert, bei der Zauberflöte. … Das gleiche mit den Dirigenten “ frag mich, mit wem ich nicht gearbeitet habe. Aber das ging nur bis 2001. Danach hatte ich leider nicht mehr mit zu so vielen Dirigenten zu tun, außer in Amerika. Nach 2001 ging ich nach Amerika und arbeitete dort an drei Produktionen in Milwaukee, Wisconsin mit. Aber wie gesagt, bis zum Jahre 2001 habe ich mit fast allen namhaften Dirigenten zusammen gearbeitet.”

“Vor vielen Jahren gab es eine Fernsehübertragung eines großen sinfonischen Konzertes in Amerika, am Pult: Danny Kaye! Erinnerst du dich an dies eindrucksvolle Dirigat von Danny Kaye?”

Rita Loving: “Ich erinnere mich genau und ich weiß auch noch, wo ich zum Zeitpunkt der Fernsehübertragung war: im Orchestergraben des Nationaltheaters. Ich kann mich zwar nicht mehr erinnern, welche Oper wir spielten und ob ich an der Celesta oder am Klavier saß, das weiß ich alles nicht mehr. Aber ich erinnere mich ganz genau, dass in der Pause, alle, also das gesamte Orchester in den Orchesterraum stürmte, um sich das im Fernsehen anzusehen. Und da war es nun, Danny Kayes wunderbares Gesicht und es war so unbeschreiblich ausdrucksvoll, während er dirigierte. Das ganze Orchester blickte gebannt in den Fernseher und alle waren begeistert!! Und alle waren der Ansicht, dass es absolut wunderbar wäre, einmal mit ihm zu arbeiten. Jeder fand es großartig, wie viel Ausdruck er mitbrachte. Es war so aufregend und wir alle hatten unheimlich viel Spaß daran. Leider bin ich Danny Kaye nie persönlich begegnet, habe ihn auch nie live erlebt, aber natürlich habe ich alle seine Lieder gesungen. Ja, ich habe sein Dirigat sehr genossen, obwohl ich nicht einmal sicher bin, dass er die Partitur tatsächlich lesen konnte. Es sah zumindest so aus, als wenn er es könnte. Er hatte noch einen ähnlichen Auftritt, der ebenfalls im Fernsehen übertragen wurde, an der Metropolitan Opera. Danny Kaye dirigierte diesmal nicht, sondern stand hinter einem Sänger und zwar während der Bajazzoarie. Er brachte nur mit Mimik und Gebärden die Arie Bajazzos zum Ausdruck, während der Sänger vor ihm stand und nicht sehen konnte, was er tat. Gott sei Dank konnte er es nicht sehen, denn sonst wäre er nie und nimmer in der Lage gewesen zu singen. Es war irre komisch! Meiner Meinung nach war Danny Kaye extrem musikalisch und alles was er tat, war enorm ausdrucksstark. Ich weiß nicht, wie viel Arbeit da eingeflossen ist und wie viel davon einfach naturgegebenes Talent war. Aber was auch immer es war, er war großartig!! Ich habe ihn immer als eine Art Idol betrachtet und auch das Orchester hier hat ihn total geliebt. Ich habe vergessen, wer in jener Nacht als Danny Kaye übertragen wurde, unser Orchester dirigierte. Aber wer immer das war, für das Orchester war es die Nacht des Danny Kaye, an jenem Abend waren sie ausschließlich auf ihn fixiert.”

Glücklich, jemanden gefunden zu haben, die meine Vorliebe für den amerikanischen Kultkomiker Danny Kaye teilt, suche ich nach weiteren Gemeinsamkeiten hinsichtlich künstlerischer Präferenzen.

“Welche der Dirigenten, mit denen du zusammen gearbeitet bzw. unter denen du im Orchestergraben gespielt hast, haben den nachhaltigsten Eindruck bei dir hinterlassen?”

Rita Loving: Eigentlich die drei Dirigenten, von welchen ich am meisten gelernt habe und von welchen ich mich am meisten inspiriert fühlte. Das soll keineswegs den enormen Wert der Zusammenarbeit mit den anderen Dirigenten mindern, aber die besondere Erfahrung der Mitwirkung an “Faust” “ es war eine Faustproduktion mit Georges Prêtre “ hat mich in den siebten Himmel gehoben. Das ist mir als geradezu paradiesisches Erlebnis in Erinnerung geblieben. Es war traumhaft, allein die Erfahrung mit ihm zu arbeiten und an seinem musikalischen Feingefühl teilzuhaben, seine musikalische Wahrnehmung zu empfinden und diese dann selbst zu verspüren. Da muss ich Prêtre hervorheben. Und Riccardo Muti, mit ihm hatte ich dasselbe himmlische Klangerlebnis bei seinem “Macbeth”. Und dann war da noch Giuseppe Patanè, mit dem ich ebenfalls sehr viel gearbeitet habe und von dem ich enorm viel lernen konnte. Patanè hatte obendrein Glück: als wir an Adriana Lecouvreur arbeiteten, da hatte Patanè die Chance, es mit dem Komponisten Cilèa zu erlernen. Auf diese Weise habe auch ich praktisch vom Komponisten selbst gelernt. Diese drei Dirigenten haben die großartigsten Erinnerungen und somit den nachhaltigsten Eindruck bei mir hinterlassen. Ich spüre, dass ich so immens viel von ihnen gelernt habe und sie alle waren so unglaublich inspirierend und auch absolut bereitwillig, ihr Wissen uneingeschränkt zu teilen, ihr Musikgefühl zu vermitteln. Ich erachtete es für mich selbst als unschätzbar wertvolle Fügung, in dieser Position gewesen zu sein. Es war ein wahnsinniges Glück, die Ehre gehabt zu haben, die Assistentin dieser drei Dirigenten zu sein. Das bedeutet nicht, dass ich zum Beispiel Sawallisch, der für mich ein hervorragender Musiker ist, ein exzellenter Dirigent, dass ich ihn weniger hoch schätze. Es hat lediglich damit zu tun, dass ich mit ihm weniger zusammengearbeitet habe, als mit den Genannten. Daher würde ich sagen, diese drei Dirigenten hinterließen künstlerisch den wesentlichsten Eindruck “ sie waren diejenigen, die meine musikalische Erfahrungswelt maßgeblich beeinflusst haben und ich werde sie nie vergessen!!”

Ich muss nicht lange suchen und entdecke umgehend ein weiteres gemeinsames Gefühlshighlight, denn auch mich hat die Musik von Gounods “Faust” zu Beginn meiner Laufbahn in den siebten Himmel gehievt, freilich nicht vergleichbar mit Ritas einzigartigem Erfahrungsschatz, aber wer kann im Hinblick auf ihre beruflichen Erlebnisse schon mithalten?? Daher gebe ich mich beim Versuch die emotionale Seite solcher Glücksmomente nachzuvollziehen bereits mit den winzigsten Gemeinsamkeiten zufrieden. Und erkundige mich auch gleich noch nach meinem persönlichen Lieblingsdirigenten: Zubin Mehta.

Rita Loving: “Wäre ich lang genug am Nationaltheater verblieben, wäre er derjenige, den ich selbstverständlich besagten Dreien hinzufügen würde. Aber leider habe ich nie eine Premiere mit Zubin Mehta gemacht. Er kam in den letzten zwei Jahren meiner Ensemblezugehörigkeit ans Nationaltheater. Einige Traviata-proben habe ich mit ihm gemacht, aber es war eine Produktion, die bereits über etliche Jahre gelaufen war. Auch Fledermaus haben wir zusammen geprobt und noch einiges, aber keines davon war eine Premiere, was bedeutet, dass man mit dem Dirigenten nicht so lange und intensiv zusammenarbeitet. Dennoch muss ich sagen, Zubin Mehta und ich, wir haben uns hervorragend verstanden, sind bestens miteinander zurechtgekommen und hatten in den leider zu wenigen Proben viel Spaß. Wir hatten einen sehr, sehr guten Draht zueinander, nicht zuletzt, weil er diesen besonderen New Yorker Sinn für Humor besitzt und die ausgesprochen warme Herzlichkeit im zwischenmenschlichen Bereich, die wir alle so sehr an ihm schätzen. Er ist ein absolut wunderbarer Mensch, ich glaube, er ist überhaupt einer der wundervollsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Ich erinnere mich, als ich zu ihm ging, um mich von ihm zu verabschieden. Er breitete seine Arme weit aus, umarmte mich und es schien mir, als wenn mich in diesem Augenblick die Sonne komplett in ihre Strahlen eingetaucht hätte. Es ist etwas extrem besonderes an ihm, etwas ganz spezielles, das ihn umgibt, wie ein Mantel der Herzlichkeit, mit dem er andere unverzüglich einfängt und vollständig umhüllt. Er hat diese besondere Gabe, Wärme zu verteilen, Menschen mit Herzlichkeit zu umgeben, wo immer er hinkommt. Es tat mir in der Tat furchtbar leid, dass ich nicht die Möglichkeit hatte, noch mehr mit ihm zu arbeiten. Ein fantastischer Mensch, so charmant und bei ihm ist es kein aufgesetzter Charme, er ist authentisch, er ist so wie er ist! Es strömt regelrecht aus ihm heraus, diese Freundlichkeit, diese Art menschlicher Wärme und Herzlichkeit, es ist unglaublich. Ich weiß nicht, wie er das vermag, aber er ist einfach so. Und offensichtlich ist seine ganze Familie so wundervoll! Ich habe gehört, auch sein Vater war ein fantastischer Mann. Und alle in der Familie sind Musiker. Ja, es tat mir sehr leid, dass ich nur so kurz und wenig mit Zubin Mehta arbeiten konnte und ich habe noch seine Worte im Ohr: “Es ist zu schade, dass du uns jetzt verlässt!”. Uns verband ein wunderbar freundschaftliches Verhältnis und wir haben es beide sehr bedauert, dass ich ging. Und musikalisch fühlte ich bei ihm, nun, im Grunde genommen wie mit all diesen Dirigenten, dass das, was sie taten “ es hätte nicht anders sein können!! Genau so wie sie es gestalteten, war absolut richtig “ PERFEKT! Es gab auch nicht das geringste Problem, jedem von ihnen musikalisch zu folgen, sogar wenn ich sie nicht anschaute, weil sie das, was sie taten geradezu ausstrahlten “ es war spürbar.”

1994 erhielt Rita Loving die Ehrenauszeichnung für herausragende Verdienste um die Bayerische Staatsoper und um die deutsche Opernkultur. Während ihrer Festanstellung am Nationaltheater München, 1978 “ 2001, gastierte sie zudem regelmäßig am Bayerischen Rundfunk (als Repetitorin und Pianistin) sowie bei Aufnahmen für Teldec und Nightingale Records. Zu ihrer Tätigkeit als Pianistin, bei der sie bereits unzählige, renommierte Solisten begleitet hat, gesellt sich ein umfangreiches Sopranrepertoire, das heißt sie selbst singt immer wieder in Klassikkonzerten, bei denen sie sich zumeist auch noch eigens am Klavier begleitet. Neben ihrer großen Liebe zur Klassik gilt ihre zweite Leidenschaft den großartigen Songs von Gershwin, Porter und weiteren Liedern aus dem amerikanischen Musicalrepertoire, mit denen sie bereits Gastspiele in ganz Europa gab. Auch die bei ihr aufgewachsenen Kinder Maurice Sterns, Heidi, Bobby und Stevie Stern erfreuen sich einer internationalen Karriere. Bobby Stern, Jazzsaxofonist, lebt heute auf Mallorca. Stevie Stern, Gitarrist und Sänger, arbeitet in New York und bei Rock-Pop-Sängerin Heidi Stern, die zwischen New York und London pendelt, muss man außer ihrem Künstlernamen, Jennifer Rush, sowieso nichts mehr hinzufügen.

Obgleich sich Rita Loving von Kindesbeinen auf eher als Europäerin fühlt, nimmt sie natürlich auch am amerikanischen Leben rege teil und so war es für sie eine besondere Freude, als Sängerin und Pianistin, in der Nacht vom 4. November 2008 auf der im Münchner Restaurant Bushing Garten stattgefundenen Wahl-Party für Barack Obama aufzutreten, zusammen mit den drei Kollegen der Bayerischen Staatsoper Joan Campbell, Jason Alexander Smith und Sarah Yorke. Später gesellten sich noch der Saxofonist Steve Hooks, Gitarrist John Paiva und Sängerin Roberta Kelly dazu und diese sieben Künstler unterhielten in der Nacht, in der nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt endlich einmal wieder Grund zu feiern hatte.

Sieben amerikanische Künstler haben auch wir zusammen gerufen und um einen runden Tisch versammelt. Was dabei herauskam, als Felicia Weathers, Colette Warren-Pilz, die ebenfalls in dieser Ausgabe vorgestellte Malerin Vivian Ellis, Robert Owens, Donald Arthur, Donald Sulzen und die hier porträtierte Rita Loving sich zum künstlerischen Meinungsaustausch zusammen fanden, lesen Sie in der nächsten Ausgabe des AnDante Kulturmagazins.

AnDante